Weniger Emissionen: Schalker Firma investiert Millionen
Quelle: WAZ, Nikos Kimerlis
31.08.2024, 06:54 Uhr
Gelsenkirchen-Schalke. Traditionsbetrieb will „klimaneutral“ werden. Warum die Modernisierung zweierlei ist: ein Standortbekenntnis und wirtschaftliches Kalkül.
Das Ziel ist gesetzt: Spätestens zum runden Jubiläum, zum 150-jährigen Bestehen, will Karl-Philip Tengelmann das Vermächtnis seines Großvaters in eine neue Ära führen. „Kremer Metallbau“ soll ein „klimaneutrales Unternehmen“ werden. Um diese Zertifizierung zu erhalten, investiert der 37-jährige Geschäftsführer eine Millionensumme in den Gelsenkirchener Firmensitz.
Energetische Sanierung: Neue hoch wärmegedämmte Alu-Fassade, Fernwärme statt Öl, Photovoltaik-Ausbau
„Wir investieren eine siebenstellige Summe, um künftig gut zwei Drittel an Energiekosten einzusparen“, sagt Karl-Philip Tengelmann. Er hat nach dem Tod seines Großvaters 2011 mit gerade einmal 23 Jahren die Verantwortung für den Geschäftsbetrieb übernommen. Kremer „liefert und montiert Fenster und Türen aus Aluminium und Kunststoff, dazu kommen Rauch- und Brandschutztüren sowie Vordächer“, erklärt der Geschäftsführer.
Zum Kundenstamm gehörten vorwiegend Wohnungsbaugesellschaften und Eigentümergemeinschaften im Zuge von energetischen Bestandssanierungen, aber auch private Hausbesitzer. Zumeist werden „dreifach verglaste Fenster sowie Türen mit höchsten Dämmwerten verbaut“.
Die umfangreichen Modernisierungsarbeiten des Schalker Stammsitzes sieht der zweifache Vater als „klares Bekenntnis zum Standort Gelsenkirchen“. Naturgegeben steckt auch unternehmerisches Kalkül dahinter. Denn eine Kostenreduktion eröffnet im Gegenzug wirtschaftlichen Spielraum für künftige Investitionen.
Was soll dazu passieren? Eine ganze Menge: Angefangen über eine komplette neue und hoch wärmegedämmte Alu-Glas-Fassade für das Verwaltungsgebäude (nebst Dachdämmung), über eine komplett neue Heizungsanlage, den Ausbau des vorhandenen Photovoltaik-Systems bis hin zur Umstellung von Öl auf Fernwärme. Dazu legt Iqony sogar eine neue Leitung bis an die Lockhofstraße, in deren Umkreis sich mehrere Liegenschaften befinden, die ebenfalls zum Portfolio des Familienunternehmers gehören, beispielsweise das Areal, auf dem sich das Laminat-Depot oder McFit befinden.
Ursprung als Hufschmied: Warum das Firmenlogo das dreifache K zeigt
Seinen Ursprung hat das heutige Gelsenkirchener Unternehmen im Übrigen weniger an der Emscher, sondern vielmehr an der Ruhr in Essen. Im Stadtteil Karnap - daher das dreifache K im Firmenlogo - dröhnten ab 1877 Hammer und Amboss, wenn Pferde neue Hufeisen bekamen. Karl Kremer jun., der Großvater des heutigen Geschäftsführers, baute den Betrieb zur Schlosserei aus. Erfolg und Platznot machten dann 1970 den Umzug an die Lockhofstraße 3 notwendig, um die Expansion voranzutreiben. Verwaltung und Produktion sind seither dort zu Hause, hier in Schalke finden circa 50 Mitarbeitende einen ihren Arbeitsplatz haben.
Im Fall von Kremer Metallbau sind es zweierlei Grundüberlegungen, die die Investitionsbereitschaft beflügeln. Da ist zum einen eine ab 2027 neue Gebäuderichtlinie. Im von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) propagierten Green Deal ist eine Sanierungspflicht festgeschrieben. Demnach müssen Nichtwohngebäude bis 2027 mindestens die Energieeffizienzklasse F und bis 2030 die Klasse E erreichen. Wohngebäude müssen bis 2030 mindestens die Energieeffizienzklasse F und bis 2033 die Klasse E erreichen (siehe Info-Box).
Diesem Zwang will Tengelmann zuvor kommen, um nicht bei Inkrafttreten der EU-Vorgabe im Hauruckverfahren handeln zu müssen. Seit einem Dreivierteljahr laufen daher schon die Sanierungsplanungen in Zusammenarbeit mit einem professionellen Energieberater. Das Besondere dabei: Die alte Fassade wird dem Wertstoffkreislauf zugeführt und recycelt. Daraus entstehen also neue Türen und Fenster. Bei deren Herstellung wird heute schon zu 75 Prozent Recycling-Alu verwendet, bei ihren Pendants aus Kunststoff beträgt der Anteil im Hause Kremer mindestens 40 Prozent.
Zum anderen ist es unternehmerisch weniger zielführend, Wasser zu predigen, aber selbst Wein zu trinken. Heißt: Man kann schlecht Kunden von etwas überzeugen und es ihnen verkaufen, was man selbst nicht praktiziert. Im Sinne der Nachhaltigkeit heißt es daher für Tengelmann, „auch mit gutem Beispiel voranzugehen.“ Unter dem Strich, so erklärt er, ergeben alle Maßnahmen eine Ersparnism von circa 114 Tonnen klimaschädlichen Kohlendioxids (CO₂), „das entspricht in etwa dem Ausstoß von 570.000 gefahrenen Kilometern mit dem Auto - pro Jahr.“
Beigetragen, die Maßnahme jetzt umzusetzen, haben „auch die staatlichen Anreize zur energetischen Sanierung“, so Tengelmannweiter. Ihm liegen jetzt positive Förderbescheide vor. Kostenpflichtig bekommen Kunden bei ihm übrigens auch Unterstützung bei der Beantragung von Fördergeldern. Ein 20-prozentiger Zuschuss ist möglich.
Karl-Philip Tengelmann beobachtet die technischen Entwicklungen und ihr Marktpotenzial genau. Beispielsweise, wenn es um Fenster geht, die bald schon „zur Stromerzeugung dienen könnten. Oder gar die komplette Gebäudehülle.“ So will er das Familienunternehmen zukunftssicher aufstellen. Und gleichzeitig das Interesse am Handwerk bei der Jugend wecken.
Wo er wirbt? Mal abgesehen von der Schalker Arena, „in erster Linie in den sozialen Medien“, denn da bewegten sich junge Menschen, ist der 37-Jährige sich sicher. Deshalb hat er eine Agentur beauftragt, entsprechende Reels zu produzieren - für ihn, mit ihm, aber vor allem für Kremer Metallbau. Damit der Fortbestand auch in fünfter Generation gesichert ist.







